Schweizer Kolonisten in der Mark
Der Grosse Kurfürst Friedrich Wilhelm I. von Brandenburg (1620-1688) wandte sich 1683 hilfesuchend an den Stand Bern und lud Schweizer Bauernfamilien ein, sich in Brandenburg niederzulassen. Er war Calvinist und gewährte 1885 auch 20.000 verfolgten Hugenotten Asyl. Der Dreissigjährige Krieg hatte sein Land schwer verwüstet; ganze Landstriche waren entvölkert.
Zur Stärkung des reformierten Bekentnisses und der Wirtschaftskraft lockte er nicht nur Hugenotten und Holländer in sein Land. Er warb auch in der Schweiz um Zuwanderer. Die dortige Bevölkerung war von einer Bevölkerungsexplosion, Überschwemmungen und Missernten geplagt. Die kleinen Bauerngehöfte konnten unmöglich noch weiter unter mehreren Söhnen aufgeteilt werden.
Die Auswanderer waren in der Situation heutiger Migranten und Migrantinnen. Sie versuchten der schwierigen Situation in ihrem Land zu entkommen. Und das Angebot des Grossen Kurfürsten klang verlockend. Die Reise wurde bezahlt, Land und Baumaterial zur Verfügung gestellt, ein reformierter Prediger aus der Schweiz eingestellt. Sie erhielten Unterstützung beim Bau einer reformierten Kirche und Saatgut. Sie lebten dreissig Jahre steuerfrei und konnten nicht zum Kriegsdienst eingezogen werden.
Die ersten Schweizer Siedler, vierzehn vorwiegend Berner Familien inklusive Knechte und Mägde, insgesamt 102 Personen, kamen mit Schiffen 1685 im Golmer Bruch östlich von Potsdam an. Für sie wurde sogleich eine reformierte Gemeinde begründet, in der zunächst Prediger aus der Schweiz tätig waren. Ein leichte Aufgabe erwartete die Berner keineswegs: Die «Nasse Insel» war wahrlich kein guter Ort, um sich niederzulassen. Sie sollten die sumpfige Landschaft des Luchs trocken legen, urbar machen und Landwirtschaft betreiben. Denn die neu entstehende Sommerresidenz des Herrscherhauses in Potsdam brauchte Nahrungsmittel.
Die nächsten Schweizer Ansiedlungen erfolgten im Gebiet zwischen Neuruppin und Rheinsberg, der heutigen Ruppiner Schweiz. Diese Kolonisten kamen vorwiegend aus den Kantonen Bern und Zürich. Sie mussten alle den beschwerlichen Landweg nehmen. Zu Fuss und mit Ochsenkarren zogen sie via Bamberg, Halle/Saale ins über 1000 Kilometer entfernte Ruppiner Land.
In Lindow ist der reformierte Prediger Hercules Dellicker aus Zürich bereits 1690 nachgewiesen. Nach Glambeck kamen 1691 zehn Schweizer Familien, nach Vielitz zwölf Familien. Im gleichen Jahr liessen sich zwölf überwiegend aus dem Berner Oberland stammende Familien in Storbeck nieder. Ebenfalls 1691 siedelten zwölf Familien in Lüdersdorf (heute Altlüdersdorf), elf Familien in Schulzendorf und zunächst fünf Familien in Linow; dort sind 1722 jedoch bereits zehn Schweizer Kolonisten ansässig.
Die priviligierte Situation der Schweizer brachte ihnen den Neid der einheimischen Bevölkerung ein. Konflikte waren vorprogrammiert. In den ersten dreissig bis fast fünfzig Jahren heirateten die Schweizer ausschliesslich untereinander. Das gebot ihnen ihre Religion, vor allem aber die Bewahrung der gewährten Privilegien als Kolonisten. Die Privilegien der Kolonisten wurden nach und nach zurückgenommen. Ab 1817 wurden auf Befehl von König Friedrich Wilhelm III. der Zusammenschluss von Lutheranern und Reformierten staatlich verordnet.
In den meisten dieser Dörfer ist heute noch das Bewusstsein ihrer Entstehung vorhanden. Die Jubiläumstage der Ankunft der Schweizer Kolonisten werden gefeiert und Gedenksteine errichtet. Das Vierzig-Seelen-Dorf Nattwerder gründete sogar eigens einen Verein zur Pflege der Erinnerung, den Verein «Schweizer Kolonistendorf Nattwerder».
Monika Uwer-Zürcher
Aus der Schweizer Revue 1/2026
Bild: Monika Uwer-Zürcher
Die Kirche von Nattwerder wurde 1690 geweiht. Im Innern ist sie noch immer reformiert karg. Heute gehört das idyllisch gelegene Dörflein zur Stadt Potsdam.